Marcel Koller reloaded – wie sich der Teamchef neu erfand

Nach dem Seuchenjahr 2016 war ÖFB-Teamchef Marcel Koller plötzlich nicht mehr unantastbar. Die Kritik von Fans und Medien wurde lauter und - wie in Österreich gerne üblich - auch zunehmend unsachlich. Innerhalb weniger Monate avancierte der 56-jährige Schweizer vom "Trainergott" zum Buhmann. Und seine teilweise ausweichenden Antworten auf die Aufarbeitung der verpatzten EM haben den Kritikern noch zusätzlich Munition gegeben.

Doch nach der über viermonatigen Länderspielpause erleben wir plötzlich einen in vielen Bereichen runderneuerten Teamchef, der die Winterpause offenbar auch dazu genützt hat, um sich ein neues Profil zu verpassen - und das noch dazu ziemlich unbemerkt.

Marcel Koller wirkte im Herbst aufgrund der schlechten Leistungen des Nationalteams im Jahr 2016 angeschlagen, teilweise dünnhäutig und schien in einer Sackgasse zu festgefahren zu sein. Das über viele Jahre aufgebaute Image des unantastbaren Diplomaten schien zu bröckeln und mit ihm scheinbar auch das Gefüge innerhalb des Nationalteams.

Doch die letzten beiden Länderspiele gegen Moldawien und Finnland, sowie die Vorbereitungszeit darauf zeigten einen Teamchef, der mit seiner eigenen 2016er-Version nur noch wenig gemeinsam hatte - wie hat sich der Teamchef also neu erfunden, um sich selbst zukunftsfit zu machen?

"Treuebruch" mit dem Stammpersonal

In der Startelf gegen Moladawien fehlten mit Robert Almer (verletzt), Christian Fuchs (Rücktritt), Julian Baumgartlinger (gesperrt), Alessandro Schöpf (gesperrt), Florian Klein (nicht einberufen) sowie Marc Janko und Martin Harnik (beide Ersatzbank) gleich sieben Spieler aus dem erfolgreichen Stamm der EM-Qualifikation. Während Almer, Fuchs, Baumgartlinger und Schöpf in die Kategorie "höhere Gewalt" fallen, sind Janko, Harnik und vor allem Klein Alternativen geopfert worden, die Marcel Koller als besser/frischer ansah.

Mangelnde Spielpraxis und Unform waren in der Vergangenheit noch lange keine Grund, nicht einberufen zu werden - zumeist konnten es ihm die Spieler auch überraschend oft mit guten Leistungen im Nationalteam danken. Dennoch blieb dadurch der Zugang für neue Spieler zumeist versperrt, wodurch Koller sich auch selbst der Alternativen und eines gesunden Konkurrenzkampfes im Kader beraubte.

Frischer Wind im Kader

Der Teamchef hat realtiv früh in seiner Amtszeit einen Kader gefunden, an dem er eisern festgehalten hat - lediglich bei den auf Abruf bereitstehenden Spielern gab es bisweilen Abweichungen. Für neue Spieler war der nachträgliche Zugang zum Stammkader fast ein Ding der Unmöglichkeit - lediglich Alessandro Schöpf schaffte dieses Kunststück in jüngerer Vergangenheit. Man fragte sich nicht selten, warum Marcel Koller seinen Kader nicht zumindest ab und zu mit einem der hochtalentierten U21-Teamspieler ergänzte und diesen auch Einsatzzeiten schenkte.

Mit Stefan Lainer und Florian Grillitsch feierten gegen Finnland gleich zwei Nachwuchshoffnungen ihr Teamdebüt, Guido Burgstaller feierte ein hochverdientes Teamcomeback, mit Philipp Lienhart und Konrad Laimer stehen weiter Jungtalente auf der Abrufliste und Moritz Bauer von Rubin Kasan war die große Überraschung auf Abruf. Es bleibt zu hoffen, dass diese punktuellen Verstärkungen zur Blutauffrischung keine Eintagsfliege bleiben, die Stammelf wird schließlich auch nicht jünger - doch das dürfte Koller erkannt haben.

Systemwechsel

Das 3-4-3 gegen Moldawien mit der "Luxus-Achse" Alaba-Arnautovic auf links deutet auf den lange vermissten Plan B hin (sieht man vom ersten, völlig mißglückten Versuch des 3-4-3 bei der EM gegen Island ab). Das soll das Nationalteam flexibler und vor allem weniger ausrechenbar machen. Gerade die Ausrechenbarkeit war ein Problem, das sogar die Spieler selbst im Herbst vergangen Jahres als eine der Ursachen für das Seuchenjahr ausmachten. Gegen Finnland wurde anfangs ein 3-5-2 probiert, wenngleich nicht wahnsinnig erfolgreich.

Aber natürlich dauert es eine gewisse Zeit, neue Spielsysteme zu installieren, ein Lehrgang reicht da klarerweise nicht aus. Aber alleine schon die Tatsache, dass Testspiele auch wirklich zum Testen verwendet werden und mit neuen Systemen experimentiert wird, lässt Hoffnung aufkeimen. Im "worst case" (Niederlage in Irland) ist die WM-Qualifikation ohnedies gelaufen, da kann man neue Systeme ohne großes Risiko im Wettkampfmodus testen, um für die kommende EM-Qualifikation bereits eingespielter zu sein.

Die Akte "Alaba"

Die für uns nach wie vor nicht nachvollziehbare Aussage, dass David Alaba dem Nationalteam am besten im zentralen Mittelfeld hilft und nicht als Linksverteidiger, dürfte nun endlich etwas weniger streng ausgelegt werden. Gerade an dieser Position herrscht seit dem Rücktritt von Christian Fuchs akuter Handlungsbedarf und David Alaba ist nun einmal einer der besten Linksverteidiger der Welt - die nicht völlig erfolglosen FC Bayern-Trainer van Gaal/Heynckes/Guardiola/Ancelotti sehen das schon seit Jahren so.

Dabei hat Marcel Koller einen feinen Trick angewandt, indem er Alaba beim 3-4-3 links im Mittelfeld aufstellte, was im Defensivverhalten ohnedies mehr oder weniger dem Linksverteidiger entspricht. Gemeinsam mit Arnautovic ist die linke Seite somit offensiv wie defensiv auf Weltklasseniveau besetzt und trotzdem hat Alaba seine für ihn persönlich so wichtige Mittelfeldposition inne. Zudem wurde er noch mit der Rolle des Ersatzkapitäns "entschädigt" und schon bringt Alaba wieder deutlich bessere Leistungen im Nationalteam. Ein taktisch hervorragender Schachzug, der auch spielerisch sehr viel bringen wird - sofern Koller daran festhält.

Der Ton wird rauer

Während in den letzten Jahren jegliche - zumeist unsachliche - Kritik von Boulevardmedien und beleidigten Ex-Größen des österreichischen Fußballs an Marcel Koller abgeprall ist und wenn überhaupt nur sehr diplomatisch beantwortet wurde, ließ der Teamchef mit einer für seine Verhältnisse ausgesprochen scharfen und bissigen Replik auf die Kritik von Paul Scharner aufhorchen.

Fazit

Auch wenn nach den beiden Länderspielen keinesfalls alles eitel Wonne ist und die WM-Qualifikation realistisch betrachtet noch immer in sehr weiter Ferne ist, so keimt zumindest die Hoffnung auf, dass in der darauffolgenden Qualifikation wieder ein schlagkräftiges Team mit mehreren Alternativen hinsichtlich Spielauslegung und Personal zur Verfügung steht.